Lange Schriftsätze, umfangreiche Akten und komplexe Sachverhalte können Gerichte überlasten und Verwaltungsvorgänge in die Länge ziehen. „Das ist eine Gefahr für die Rechtsstaatlichkeit“, wurde Tianyu Yuan bereits während seines Rechtsreferendariats klar. Gemeinsam mit Jakub Szypulka und Carsten Günther gründete er 2019 die Codefy GmbH in Heidelberg: „Mit unserer KI-basierten Prüfassistenz gewinnen Richterinnen und Richter 30 bis 40 Prozent Zeit bei der Aktenarbeit.“
Codefy GmbH, Heidelberg
Codefy GmbH: Runter vom Aktenberg – mit 1.000 Seiten pro Sekunde
Der Satz ‚Wir ertrinken in Informationen und hungern nach Wissen‘, beschreibt die Situation im Justizwesen sehr gut: Richterinnen und Richter müssen bei ihren oft komplexen Fällen immer umfangreichere Gerichtsakten bearbeiten. Dabei dürfen sie aber keine relevanten Sachverhalte übersehen. Gleichzeitig verschärft der Fachkräftemangel, der auch im Justizwesen allgegenwärtig ist, das Problem: „Wenn die Verfahren und Verwaltungsvorgänge kein Ende finden, ist das eine Gefahr für die Rechtsstaatlichkeit“, wurde dem heute 36-jährigen Tianyu Yuan bereits während seines Rechtsreferendariats klar. Er hatte damals schon eine App für den Rechtsbereich programmiert, war aber zugleich vielseitig interessiert an anderen Themen über den juristischen Tellerrand hinaus: „Es war schon immer mein Traum, an einer gesellschaftlich relevanten Frage zu arbeiten.“
Bei allen Ideen für sein Berufsleben stellte er sich die Frage, welchen Beitrag er damit für das Gemeinwesen leisten kann. Sie ließ ihn auch in den Folgejahren, als er in einer Kanzlei arbeitete, nicht los. Schließlich fand er gemeinsam mit Jakub Szypulka und Carsten Günther die Vision, der sie ab 2019 mit der Gründung der Codefy GmbH folgten: Künstliche Intelligenz soll die Effizienz bei Gerichten und Behörden steigern und dadurch den demokratischen Rechtsstaat stärken.
Mit unserer KI-basierten Prüfassistenz gewinnen Richterinnen und Richter 30 bis 40 Prozent Zeit bei der Aktenarbeit
Doch wie genau kann Künstliche Intelligenz die Effizienz bei Gerichten und Behörden steigern? Die KI-basierte Prüfassistenz von Codefy ist heute bei vielen Gerichten und Behörden im Einsatz und filtert mit einer Geschwindigkeit von 1.000 Seiten pro Sekunde aus digitalen Aktenbergen die relevanten Aspekte und unterstützt bei der Entscheidungsfindung. So werden beispielsweise bei einem Mietverfahren die strittigen Punkte, die entsprechenden Regelungen des Mietverhältnisses und die Argumente von Klägern und Beklagten automatisch in einer übersichtlichen Tabelle aufgeführt. Anwenderinnen und Anwender prüfen die Angaben und nutzen sie als Basis für ihre Entscheidungen. Auch bei anderen Themen ist Codefy hilfreich und beschleunigt zum Beispiel bei öffentlichen Ausschreibungen zur Förderung von Erneuerbaren Energien die Bearbeitung der umfangreichen Vergabeunterlagen.
Codefy ist dabei kein bloßes IT-Unternehmen, betont Yuan: „In erster Linie geht es die juristisch geprägten Entscheidungsprozesse, die unsere Volljuristen auf Augenhöhe diskutieren können.“ Erst dann geht es um IT-Fragestellungen. Damit unterscheidet sich das Codefy-Angebot von anderen KI-Dienstleistern, die sich auf rein technologische Fragestellungen fokussieren.
Bedenken bezüglich einer KI, die Recht sprechen könnte, hat Yuan nicht. „Die Vorstellung, dass KI-Anwendungen menschenähnlich das Recht umfassend anwenden oder gar Gerichtsurteile fällen, ist technisch fernliegend und wäre auch verfassungswidrig.“ Er wirbt darum, die Möglichkeiten und Vorteile von Künstlicher Intelligenz als Teil des Fortschritts und praktisches Hilfsmittel zu sehen: „Technologie hat schon immer dazu gedient, menschliche Fähigkeiten zu erweitern.“
Insgesamt arbeiten heute etwa 30 Mitarbeitende bei dem Heidelberger Unternehmen. Yuan sieht noch viel Wachstumspotenzial: „Die immer höhere Komplexität der Verfahren und der gleichzeitige Fachkräftemangel in der Justiz und in der Verwaltung sind für uns die Wachstumstreiber.“